Neulich springt mir in einer Bahnhofsbuchhandlung ein obszön anmutendes Buch ins Auge. „Anleitung zum Mannsein“ steht darauf. Was sich wohl dahinter verbergen mag? Eine Parodie auf die Weicheier von Heute? Eine sexistische Spruchsammlung für Machos? Oder gar die Ode auf den partriarchalischen Chauvinismus? Ich werde unsicher, gehe innerlich in Verteidigungsstellung. Schließlich befinde ich mich ja hier nicht auf „sicherem“, christlichen Terrain. Umso mehr überrascht mich die Coverrückseite mit einer Antwort: Der Mann von heute ist profillos geworden. Er hat seine Konturen verloren – keine Ecken, keine Kanten. Das Buch versucht, Abhilfe zu schaffen, Wege zur Männlichkeit aufzuzeigen. Puh! Nochmal Glück gehabt. Ich kann das Buch also getrost weglegen. Immerhin liegt hier ja kein Angriff auf meine christlichen Überzeugungen vor – und männlich? Das bin ich doch ohne Zweifel!
Wo sind die echten Kerle?
Wirklich? Die eigentliche Frage des Buches lässt mich nicht los: Wo sind eigentlich die echten Kerle hin? Die Männer, die vielleicht streitbar, aber zumindest nicht untätig und langweilig sind? Männer, die den Mut haben, für ihre Überzeugungen einzutreten? Die den Gegenwind nicht fürchten? Man wird den Eindruck nicht los, dass solche kantigen Typen heute nicht mehr erwünscht sind. Wie denn auch? Political Correctness ist angesagt. Sportler antworten nach einem Spiel auf penibel vorformulierte Fragen in stets derselben quäulend monotonen Weise. Politiker winden sich wie Aale durch heikle Fragen und Krisen hindurch. Prediger schwafeln lieber innergemeindliche Probleme unter die Kanzel statt über den Himmel und die Hölle zu predigen.
„Die Schreihälse haben ausgedient“, ließ der deutsche Fußballnationalspieler Phillip Lahm kürzlich in einem Interview verlauten. „Das Prinzip Effenberg würde heute nicht mehr funktionieren. Im Fußball ist es leiser geworden“, führte er aus. Kritik würde er zwar auch weiterhin üben – wenn nötig auch in drastischer Weise –, aber eben an richtiger Stelle und in einem angemessenen Ton. Keine zwei Wochen später sorgte sein öffentlicher Rundumschlag gegen die Vereinsführung des „FC Bayern München“ und ihre vermeintlich verfehlte Transferpolitik für Schlagzeilen. Die Antwort des nicht gerade für seine Besonnenheit bekannten Managers Uli Hoeneß ließ nicht lange auf sich warten. Lahm wurde zur höchsten bis dato je ausgesprochenen Vereinsstrafe verdonnert (30.000 €). Nach einigen „klärenden“ Gesprächen hatten sich alle wieder lieb. Über den Inhalt von Lahms Kritik verlor aber keiner der Beteiligten ein Wort. Wie denn nun, Herr Lahm?
Männer mit Überzeugungen
„Im Leben lernt der Mensch zuerst gehen und sprechen. Später lernt er dann, still zu sitzen und den Mund zu halten.“, fasste Marcel Pagnol einst sarkastisch eine gesellschaftliche Grundregel zusammen. Das passt zu Lahms Vorstoß. Ich glaube aber, dass nicht allein die „Schreihälse“ ausgedient haben. Die postmoderne Gesellschaft sieht Leute mit festen Überzeugungen als solche nicht gerne. Sie entwickelt zunehmend die Tendenz zur Konformität und Einlinigkeit. Der Begriff Toleranz wird für jeden nur erdenklichen Schund missbraucht, obwohl er eigentlich an die Verantwortung rückgebunden werden müsste. Diese Entwicklung macht auch vor den Gemeinden nicht Halt. Christen haben zunehmend Probleme damit, Missstände offen anzusprechen. Zu schnell wird man in eine Schublade gesteckt, aus der man schwerlich wieder herauskommt.
Dabei sehnen sich unsere Gemeinden und unsere Nation dringend nach solch markigen Männern – die „Anleitung zum Mannsein“ und die unzähligen nach Helden bettelnden Kinofilme der letzten Jahre bezeugen das. Zu viel läuft falsch. Wir brauchen Väter, die sich für ihre Kinder zerreißen und nicht in Gleichgültigkeit verlieren. Anständige Ehemänner, die für Ehen nach Gottes Willen kämpfen und sich nicht heimlich Pornos reinziehen. Hingegebene Kämpfer, die ihrem Umfeld Hoffnung geben. Männer, die nicht schweigen, wenn Zeit ist, zu reden. Männer, denen Gott zuspricht: „Du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ (Jer 1,7-8).
Serge Enns ist Redakteur bei Adam online.
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